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Ev. Akademie Bad Godesberg  2010

 

Günter Ewald

 

Synchronizität – Zur Deutung des Pauli-Jung-Dialogs

 

                               

 

Telepathie, Hellsehen, Psychokinese, Präkognition und andere so genannte paranormale (oder anomale) Phänomene werden in unserem Wissenschaftsbetrieb gern als Gegenstand der Kulturwissenschaft betrachtet, so wie das für Märchen, schamanistische Rituale oder Zaubertricks moderner Unterhaltungsshows der Fall ist. Sie aber als reale Vorgänge zu diskutieren, gar als Gegenstand naturwissenschaftlichen Verstehens zu erörtern, verbietet ein weit verbreitetes Weltbild des „Naturalismus“, einer entideologisierten Form des Materialismus. Es gehe in unserer Welt mit rechten Dingen zu, sagt man selbstbewusst. Es gibt sogar Organisationen, die gegen ein Abweichen von diesem Weltverständnis agitieren, manche davon betrachten sich dabei als von der Naturwissenschaft gedeckt.

Kritiker halten dagegen, dass das naturalistische Weltbild von gestern ist und Argumente gegen die Möglichkeit des Paranormalen nach dem Motto Morgenstern verfahren: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“.

 

Nun gab es schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine für diese Auseinandersetzung peinliche Situation. Ein junger Physiker namens Wolfgang Pauli störte seine Kollegen im physikalischen Institut der Universität Hamburg mit seiner psychokinetischen Ausstrahlung. Geräte gingen in seiner Gegenwart zu Bruch oder Experimente misslangen. Bemerkenswert ist, wie darüber noch heutzutage gelegentlich berichtet wird, etwa in dem Laien-Lexikon „Wikipedia“. Dort heißt es: „Berüchtigt war Pauli bei den Experimentalphysikern für seine handwerkliche Ungeschicklichkeit, ja sie argwöhnten sogar im Scherz, dass seine bloße Anwesenheit Laborgeräte zum Versagen brächte“. Hierzu ist zu bemerken, dass der bekannte Experimentalphysiker Otto Stern keineswegs im Scherz Pauli in Hamburg Laborverbot gegeben hat, um seine Geräte zu schützen. Der spätere Nobelpreisträger Pauli selbst setzte sich intensiv mit seinen psychokinetischen Fähigkeiten auseinander; sie stehen mit im Hintergrund des hier betrachteten Dialogs mit dem Schweizer Mediziner und Psychologen C. G. Jung.

 

Wolfgang Pauli, 1900 in Wien geboren, ist einer der Pioniere der Quantenphysik und gilt als eines der größten Genies seiner Zeit. Er wurde 1926 Professor in Hamburg und erhielt 1928 eine Professur in Zürich. Dort führten ihn zunächst private Gründe zu Jung.

 

Carl Gustav Jung, 1875 im schweizerischen Kesswil geboren, seit 1910 Professor in Zürich (später in Basel), war einige Jahre mit Sigmund Freund befreundet, löste sich dann aber von Freud wegen dessen einseitig auf Sexualität fixierten Auffassung der „Libido“ und schuf mit der „Analytischen Psychologie“ ein  tief in alte Kulturtraditionen und Verhaltensmuster hineinreichendes Menschenbild und baute darauf seine Therapie der Selbstwerdung. Seine universale Bildung verschaffte ihm großes Ansehen. Albert Einstein ging schon bei ihm ein und aus als Pauli noch ein Schuljunge war.

 

Anfang der dreißiger Jahre wollte sich Pauli aufgrund einer Lebenskrise bei Jung einer Therapie unterziehen. Jung delegierte diese an seine Praktikantin Erna Rosenbaum, nahm aber selbst Gespräche mit Pauli auf über die Grundlagen des Verhältnisses von Psyche und Materie. Glücklicherweise wurde wenigstens ein Teil dieses Dialogs in Briefform geführt und liegt seit 1992 in Buchform vor (Hg. C. A. Meier) „Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-58.“ Pauli starb 1958 an Krebs.

Die Fundgrube dieses Briefwechsels ist noch wenig erschlossen. In  1995  erschien ein von Atmanspacher und anderen herausgegebener Band mit hoch interessanten Beiträgen aufgrund eines Symposiums; „Der Pauli-Jung-Dialog und seine Bedeutung für die moderne Wissenschaft.“ Sonst findet man nur wenige Publikationen. 2001 ist der Briefwechsel auf Englisch erschienen und seither kamen einige englischsprachige Bücher über Pauli und Jung heraus.

 

Gehen wir nun aber in medias res und fragen nach dem Begriff der Synchronizität, wie er im Pauli-Jung-Dialog eine Rolle spielte. C. A. Meier, Herausgeber des Briefwechsels, nennt Synchronizität: „Jungs Bezeichnung für zeitlich oder räumlich koinzidierende Phänomene, deren Coinzidenz keiner kausalen Erklärung gehorcht, aber einen deutlich sinnvollen Zusammenhang aufweist. Sie können sowohl von Psyche zu Psyche, gewissermaßen telepathisch erfolgen, wie auch zwischen Psyche und Physis, das heißt, außen in der physischen Realität erfolgen (psychokinetisch).“ Meier fügt zur Erläuterung ein Beispiel hinzu, das ich ebenfalls wörtlich wiedergeben möchte, und zwar, wie Meier schreibt, nach Paulis mündlicher Mitteilung:

„P. saß allein am Fenster im Café Odeon und grübelte über seine minderwertige Funktion (Gefühl, Farbe Rot). Draußen stand ein unbemanntes, großes Auto parkiert. P. musste dieses unentwegt anstaunen, als es plötzlich Feuer fing und lichterloh brannte (‚Pauli-Effekt’).“

Jung erzählt in seinen „Erinnerungen“ folgendes synchronistische Erlebnis: Er wacht eines nachts auf und spürt einen Schmerz im Hinterkopf. Einige Zeit später erfährt er, dass just in diesem Augenblick sich ein früherer Patient erschossen hat und dabei die Kugel im Hinterkopf stecken geblieben ist.

Der Begriff Synchronizität ist eng verkoppelt mit dem, was Jung Archetypen genannt hat. Das sind psychische Strukturdominanten, die unbewusst und angeboren sind. Sie werden vor allem in symbolhaften Bildern und Träumen erfahren. Bei synchronistischen Phänomenen reichen sie jedoch darüber hinaus. „Die Archetypen“, so schreibt einmal Jung an Pauli, „sind einerseits Ideen (im platonischen Sinn), andererseits direkt mit physiologischen Vorgängen verknüpft und in Fällen von Synchronizität erscheinen sie als Arrangeure physischer Umstände, so dass man sie auch als eine Eigenschaft des Stoffes (als eine Sinnhaftigkeit desselben) betrachten kann.“

Um dem Grenzbereich von Psychischem und Stofflichem näher zu kommen, führt Jung einen neuen Begriff ein: „Ich dehne den Begriff des Psychischen nicht bis ins Nichtfeststellbare aus. Dort brauche ich den spekulativen Begriff des Psychoiden, der insofern eine Annäherung an die neutrale Sprache darstellt, als er das  Vorhandensein einer nichtpsychischen Wesenheit andeutet.“ (Pauli und Jung suchten nach einer neutralen, vom Psychischen und Materiellen unabhängigen Sprache).  Mit dem Psychoiden verbindet sich dann der „psychoide Archetypus“. Außersinnliche Wahrnehmung beruht, so Jung, „auf dem psychoiden Archetypus, der sich erfahrungsgemäß sowohl psychisch wie physisch äußern kann.“

Pauli und Jung wussten, dass sie das „psycho-physische Problem“ nicht lösen konnten. Aber sie tasteten sich mit kühnen Denkmodellen in einen Grenzbereich vor, der bis heute einer intensiveren Bearbeitung harrt. Pauli achtete einerseits als scharfsinniger Physiker darauf, dass Begriffe immer wieder überdacht und präzisiert werden, war sich andererseits aber darin mit Jung einig,, dass kausalistische Physik prinzipiell nicht in der Lage war, das Verhältnis von Psyche, Geist und Materie zu verstehen. Er brachte sich selbst mit vielen Traumerlebnissen in den Dialog ein, um archetypische Symbolik erfahrungsbezogen in den Denkprozess aufzunehmen. Synchronizität war für ihn wie für Jung nicht nur Phänomenbeschreibung, sondern ein naturimmanentes Organisationsprinzip, das auf Sinnhaftigkeit und Teleologie verwies. Es verband Geist und Materie in der Weise miteinander, dass weder Geist aus Materie noch Materie aus Geist ableitbar ist.

 

Trat dieses Prinzip aber immer nur in der Verklammerung von Psyche und Materie auf, oder konnte es auch nur in Bezug auf eine der beiden Komponenten sichtbar werden? Für Pauli stellte sich die Frage insbesondere bei der Suche nach einschlägigen Beispielen in der Quantenphysik. Er diskutierte mit Jung etwa die Frage, ob es sich hinter dem zufälligen radioaktiven Zerfall verbergen könnte. Das blieb im Unklaren.

 

Hier nun ist die weitere Entwicklung in der Quantenphysik über Pauli und Jung hinausgegangen und hat ein Beispiel für Synchronizität hervorgebracht, das gegenwärtig eine prägende Kraft in der Physik und auch in der Technik entfaltet – beispielsweise der Entwicklung neuartiger Computer (vgl. Ewald 2006) - und, wie man erwarten kann, dem Pauli-Jung-Dialog neue Bedeutung verleihen wird. Gemeint ist die Verschränkung von Quantenzuständen, insbesondere deren Eigenschaft der so genannten Nichtlokalität. Zwar war Quantenverschränkung schon zu Paulis Zeiten bekannt und gab es auch Diskussionen darüber, aber ich weiß nicht, ob sich Pauli dazu geäußert hat. Vielleicht maß er dem damals noch nicht experimentell bestätigten Phänomen zu geringe Bedeutung bei.

 

Lassen Sie mich versuchen, dieses Phänomen, so gut es in kurzer Zeit möglich ist, zu erklären und dann noch skizzieren, wie es einen Schlüssel darstellt, mit dem eine neue Welt der Synchronizität und eines erweiterten Naturverständnisses aufgeschlossen wird.

 

Albert Einstein war ein notorischer Nörgler gegen die Quantentheorie, obwohl er für seinen Beitrag zu ihr den Nobelpreis erhalten hatte. Aber die statistischen Gesetze der Quantenphysik widersprachen Einsteins Weltbild. So veröffentlichte er in 1935 wieder einmal eine Arbeit, zusammen mit den Physikern Podolski und Rosen, die an der Gültigkeit, mindestens an der Vollständigkeit der Quantenmechanik rütteln sollte. Als Folge der Theorie musste es möglich sein, dass zwei Photonen oder zwei Materieteilchen eine so enge Verbindung miteinander eingehen, dass sie, auch wenn sie sich weit voneinander entfernen, die Verkoppelung, von Schrödinger später Verschränkung genannt, behalten. Sie drückt sich darin aus, dass eine Änderung eines Quantenzustandes des einen, unmittelbar, schneller als mit Lichtgeschwindigkeit, eine entsprechende Veränderung beim anderen Teilchen nach sich zieht. Das aber widerspricht der Relativitätstheorie, nach der die Lichtgeschwindigkeit die höchst mögliche Geschwindigkeit für die Ausbreitung einer Kausalwirkung ist. Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“. Bohr lieferte eine theoretische Erklärung, mit der sich Einstein widerwillig zufrieden gab. Wirklich entschieden werden konnte die Frage aber nur experimentell, und es sah zunächst nicht danach aus, dass  man dazu in der Lage war. So ruhte die Angelegenheit bis in die siebziger Jahre, als ein irischer Physiker, John Bell, eine Idee für ein geeignetes Experiment hatte.

 

Ausgangspunkt ist eine einfache logische Überlegung. Sie sei, dem Wiener Physiker Zeilinger folgend, an einem Alltagsbeispiel erläutert: Man denke sich eine Versammlung von eineiigen Zwillingen. Für jeden Zwilling sei eindeutig identifizierbar, ob er blaue oder braune Augen hat, schwarzes oder blondes Haar besitzt und nach einem festgelegten Maß groß oder klein ist. Auf einem großen, gut planierten Sandplatz werden drei große Kreise gezeichnet, die sich

       

 überschneiden. Das Innere des ersten Kreises sei für die blauäugigen Zwillinge reserviert, das Äußere für die braunäugigen. Entsprechend sei das Innere des zweiten Kreises für schwarzhaarige Zwillinge vorgesehen, das Äußere für blonde, und schließlich sollen sich große Zwillinge in das Innere des dritten Kreises stellen, kleine außerhalb. Nun werden alle Zwillinge gebeten, sich in den passenden Bereich zu begeben, was für alle drei Eigenschaften möglich ist. Beispielsweise gibt der im Bild schraffierte Bereich die Zone für alle zugleich blauäugigen, schwarzhaarigen und großen  Zwillinge an. Jeder ist einem Gebiet zugeordnet.

Zählt man nun die Zwillingspaare, die blaue Augen und schwarzes Haar haben, dann sind es nicht mehr als die blauäugig-großen und die schwarzhaarig- kleinen zusamengenommen; das ersieht man unmittelbar aus der zweiten Figur. Schematisch ausgedrückt:

 

             Zahl der                                 Zahl der                                  Zahl der

        blauäugigen und                 blauäugigen und         +          schwarzhaar. und

          schwarzhaar. Z.                        großen Z.                                 kleinen Z.    

 

Das ist eine Form der so genannten Bellschen Ungleichung. Man kann sie für beliebige Objekte mit drei logisch komplementären Eigenschaftspaaren formulieren. Insbesondere genügt es, Einzelpersonen statt Zwillingspaare zu betrachten. Dass wir Zwillingspaare gewählt haben, soll schon die Anwendung, um die es uns geht, vorbereiten:

 

Statt menschlicher Zwillingspaare studieren wir Paare verschränkter Photonen. Wir denken sie uns in einer Quelle Q am laufenden Band erzeugt und in festen, entgegengesetzten Richtungen (beliebig, aber fest gewählt als „rechts“ bzw. „links“ benannt) ausgesandt. Sie seien auch polarisiert und zwar so, dass sie sich jedes Zwillingspaar in derselben Ebene bewegt. In gleichem Abstand von Q denken wir uns Polarisationsfilter mit zwei senkrechten

                                     

Spalten (grün und rot) vertikal zur Lichtbahn. Jeder Filter werde in drei Stellungen betrachtet, sagen wir, der grüne Spalt nehme gegenüber einer fest gewählten Ausgangsrichtung die Winkel 0°, 30° oder 60° an. Wir sagen kurz „grün“, wenn eines der verschränkten Photonen einen grünen Spalt durchdringt und entsprechend „rot“, wenn das für einen roten Spalt der Fall ist.

Wir nehmen nun folgende Zuordnungen vor:

                          

                  

Bei den menschlichen Zwillingen war es gleichgültig, bei welchem der beiden jeweils die Körpereigenschaften festgestellt wurden, denn diese stimmen ja, genetisch bedingt, bei beiden überein. Bei den Photonenzwillingen denken wir uns nun jeweils eine Eigenschaft an einem der Filter gemessen. Bei der gleichen Filterstellung kommt wegen der Verschränkung immer dasselbe heraus. Bei verschiedenen Filterstellungen haben wir voneinander unabhängige Messungen und wissen zunächst nichts. Um eine testbare Beziehung zwischen Ergebnissen bei verschiedenen Filterstellungen zu erhalten, übertragen wir die Bellsche Ungleichung auf die Filterergebnisse, und zwar so, dass stets die zuerst genannte Feststellung links gemessen wird und die an zweiter Stelle genannte rechts:

 

      Anzahl d. Ergebnisse                        Anzahl d. Ergebnisse                Anzahl d. Ergebnisse

       Filter  0°, grün   und             ≤           Filter   0°, grün   und        +      Filter 30°, grün   und

       Filter 30°, grün                                  Filter 60°, grün                          Filter 60°, rot

 

Angenommen, jede Filtermessung mit einem Teilchen auf einer Seite liefert ein Ergebnis unabhängig davon, was zum selben Zeitpunkt auf der anderen Seite gemessen wird, dann spricht man von der Annahme der lokalen Realität. Diese ist bei den eineiigen Zwillingen erfüllt. Ist sie auch bei den Photonenzwillingen richtig, dann muss auch die neue Bellsche Ungleichung richtig sein. Man weiß aber durch Messungen und auch durch die Analogie zu übereinander gelagerten Polarisationsfiltern (30° und 60°) dass in der Ungleichung links 75% und rechts jeweils 25% zu erwarten sind. Man hätte also

                                 75  ≤  25  +  25

Demnach ist die Bellsche Ungleichung verletzt und somit die Annahme der lokalen Realität falsch. Man sagt auch:

Die Quantenverschränkung ist nichtlokal.

 

Was bedeutet das nun für unsere Frage der Synchronizität? Kurz gesagt, ist Quantenverschränkung die kleinstmögliche Form der Synchronizität, eine nicht kausale, aber auch nicht zufällige Beziehung zwischen Elementarzuständen von Quanten. Es ist eine neue Form der Wirklichkeit, die nun mit den „harten“ Methoden der Physik experimentell bestätigt ist, also nicht mehr eine hypothetische Konstruktion philosophischer Art. Das bedeutet nicht, dass Inhalt und Tragweite dieser neuen Wirklichkeit verstanden sind. Es heißt aber, dass wir die neue Wirklichkeit nicht mehr hinweg ideologisieren können und die Fragen, die im Pauli-Jung-Dialog aufgekommen sind, erneut gestellt werden und nach Aktualisierung verlangen.

 

Natürlich ist es noch ein weiter Weg von der Verschränkung zweier Teilchen bis zur Synchronizität von psychischen und materiellen Prozessen. Man kann prinzipiell zwei Wege gehen. Der eine besteht im schrittweisen Aufbau von Synchronizitäten aus Verschränkungen – ein äußerst mühsamer Weg. Eine besser zugängliche Methode ist eine Übertragung des Begriffes „Nichtlokalität“ auf globale Strukturen in der Weise, dass damit Synchronizität experimentell – im Labor oder durch Beobachtung – nachweisbar wird. Ein bemerkenswertes Beispiel hierzu hat der amerikanische Kognitionswissenschaftler und Bestseller-Autor Dean Radin publiziert (in seinem Buch „Entangled Minds – Extrasensory Experiences in a Quantum Reality“, 2006):

                                    

Es handelt sich um ein telepathisches Experiment: Zwei Versuchspersonen, Jack und Jill, sitzen in getrennten, schalldichten und elektronisch abgeschirmten Räumen vor je einem Bildschirm. Aus zwei Stapeln mit drei gleichen Bildern wird mit Hilfe eines Zufallsverfahrens je ein Bild ausgewählt und das eine Jack, das andere Jill auf den Bildschirm geleitet, so dass sie die Bilder gleichzeitig betrachten. Sie entscheiden beide, ob sie das gleiche Bild sehen wie der andere oder ob sie verschiedene Bilder vor sich haben, und signalisieren ihre Entscheidung an ein Registriergerät. Der Versuch wird etwa 1000 Mal wiederholt. Ergebnis: Zwar antworten – der Zufallswahrscheinlichkeit gemäß, Jack und Jill je in 50% der Versuche mit „ja“, in 50 % mit „nein“. In den Fällen aber, in denen sie das gleiche Bild vor sich haben, stimmen ihre Antworten zu 77% überein, während es nach dem Zufallsprinzip ebenso 50 % sein müssten. Das ist eine mit der Bellschen Ungleichung verwandte Charakterisierung von Verschränkung und deutet auf ein synchronistisches Ereignis hin.

 

Natürlich ist nicht zu erwarten, dass Verschränkung oder Quantenphysik allgemein eine Erkärung für paranormale Ereignisse liefern wird. Zunächst gilt es zu beachten, dass Quantenphysik nicht nur eine Erweiterung der Methoden klassischer Physik bietet. Sie ist auch eine neue Denkweise, die über das bisherige Wirklichkeitsverständnis hinausgeht. Die nichtkausale Korrelation, wie sie in der Verschränkung erscheint, ist ein methodisch und experimentell fassbarer Teil dieser Wirklichkeit. Pauli und Jung sahen in der Synchronizität einen Universalbaustein dieser neuen Wirklichkeit und suchten ihn an Beispielen zu konkretisieren. Ihnen war auch schon die große Spannweite bewusst zwischen Synchronizität mit naturgesetzlich-allgemeinen Zügen und den gestalthaft- einmaligen Formen der Synchronizität, wie sie sich vor allem in spontanen Erlebnissen niederschlagen. Analog dazu unterscheidet man in der Anomalistik zwischen Mikro-Psi und Makro-Psi -Vorgängen. Erstere, etwa die Rhineschen Würfel- oder Kartenversuche, sind reproduzierbar und im Labor statistischen Analysen zugänglich. Man kann hoffen, dass Quantenverschränkung zu deren weiteren Untersuchung beitragen wird. Spontane Makro-Psi-Ereignisse werden vermutlich weitgehend ein Geheimnis bleiben. Aber Quantenverschränkung trägt dazu bei, dass ein Wirklichkeitsraum gedacht wird, in dem sie sich ereignen und der auch zu einem Wirklichkeitsraum der physikalischen Wissenschaft geworden ist.

 

Dieses neue Wirklichkeitsverständnis stellt eine große Herausforderung für Geistes- und Naturwissenschaften dar. Die tiefen Einsichten des Pauli-Jung-Dialogs dürften - in Verbindung mit Quantenverschränkung sowie einer verallgemeinerten Quantentheorie, wie sie Atmanspacher, Römer und Walach versuchen (2002) - hierbei eine neue Bedeutung gewinnen, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Eine ist das Lebensverständnis in der Biologie. Pauli hat in seinem Aufsatz „die Klavierstunde“, der in dem genannten Sammelband von Atmanspacher und anderen abgedruckt ist, angeregt, den Evolutionsprozess nicht nur auf Mutation und der Umwelt angepasste Selektion zu stützen, sondern Synchronizität mit einzubeziehen. Der Konvergenzbegriff, den vor einigen Jahren der Paläo-Biologe Conway Morris in die Evolutionstheorie eingeführt hat, kann in diesem Sinne verstanden werden. – Vor allem aber die stürmisch sich entwickelnde Neurobiologie steht in der Gefahr, sich zu sehr auf die Farbklecks-Analyse computertomographischer Hirnbilder zu stützen. Sie tut gut daran, bei Pauli und anderen Quantenphysikern sowie den voraus weisenden Ideen von C.G, Jung neues Rüstzeug zu beschaffen. – Auf der obersten Ebene wird dann, so ist zu hoffen, die Naturphilosophie endgültig von dem Flachland des Naturalismus Abschied nehmen.

                     

Literatur:

C.A. Meier (Hg.): Wolfgng Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel. Berlin usw. Springer 

     1992.

H. Atmanspacher, H. Primas, E. Wertenschlag-Birkhäuser (Hg.): Der Pauli-Jung-Dialog und 

     seine Bedeutung für die moderne Wissenschaft. Berlin usw. Springer 1995.

H. Atmanspacher, H. Römer, H. Walach: Weak Quantum Theory: Complementarity and  

     Entanglement in Physics and Beyond, Foundations of Physics 32:3, 2002

D. Radin: Entangled Minds. Extrasensory Experiences in a Quantum Reality. New York

     2006.

G. Ewald: Gehirn, Seele und Computer. Der Mensch im Quantenzeitalter. Darmstadt 2006.

 


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