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Vortrag Kath. Bildungswerk Ostfriesland
Borkum, Norderney, Juist August 2006
Günter Ewald
Am 7. Juli vorigen Jahres veröffentlichte der österreichische Kardinal Schönborn einen Gastkommentar in der "New York Times" unter dem Titel "Finding Design in Nature" ("Den Plan in der Natur entdecken"). Darin heißt es unter anderem: 
Schönborn"Die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung (aller Lebewesen) kann wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn - ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Änderung und natürlicher Selektion - ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegzuerklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft."
Dieser Beitrag hat in Europa eine breite Diskussion um die Frage der Evolution ausgelöst, der bei uns insgesamt wenig Beachtung geschenkt wird, ganz im Unterschied zu den USA, wo sie seit mehr als 80 Jahren Gegenstand nicht nur weltanschaulicher, sondern auch schulpolitischer Auseinandersetzungen ist. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich mehrere protestantische Kirchen in den USA zusammengetan und sich auf bestimmte "fundamentals" geeinigt, woraus das Wort "fundamentalism", "Fundamentalismus" entstanden ist - was keine Negativwertung bedeutet. Zu den "fundamentals" gehört die unbedingte Glaubwürdigkeit aller biblischer Aussagen, da diese auf der wörtlichen Inspiration durch Gott beruhen. So hat auch das Festhalten an der Gültigkeit des biblischen Schöpfungsberichtes im sogenannten Kreationismus einen außerordentlich hohen Stellenwert in den Grundlagen fundamentalistisch-christlichen Glaubens. Man betrachtet die biologische Evolutionstheorie als etwas, das die Grundfesten des Glaubens erschüttert und arbeitet deshalb mit großem Aufwand an einer auch politischen Bekämpfung der evolutionistischen Lehre im Schulunterricht. Im Januar 1925 gelang es erstmals einem demokratischen Abgeordneten und baptistischen Laienprediger im US-Staat Tennessee, ein Gesetz durchzubringen, das bei einer Höchststrafe von 500 $ jedem Lehrer an öffentlichen Schulen verbot, Darwins Lehre zu diskutieren und sich nicht auf den biblischen Schöpfungsbericht zu beschränken.
Allerdings erhob sich dagegen Widerstand, und einige clevere Gechäftsleute in dem 1500-Einwohner-Städtchen Dayton am Fuß der Appalachen witterten eine Chance, mit einem Gerichtsprozess einen profitablen öffentlichen Rummel zu organisieren - was ihnen auch gelang. Sie konnten einen football-coach, der nebenher Biologie unterrichtete, John T. Scopes, dafür gewinnen, Darwin zu lehren, um sich dann vor Gericht stellen zu lassen. Es wurde eine große Sache. 200 Journalisten reisten an, die Eisenbahngesellschaften liessen ihre Züge außerplanmäßig in Dayton halten. Zum ersten Mal in der US-Geschichte wurde ein öffentliches Ereignis über Radio ins Land übertragen. Man verlegte an heißen Julitagen den Prozess ins Freie; eine große Volksmenge strömte zusammen. Als Verteidiger des Biologielehrers gewann man einen Staranwalt aus Chikago, Clarence Darrow, einen brillanten Redner und Agnostiker. Die kreationistische Seite bot den früheren Außenminister und zweimaligen Präsidentschaftskandidaten William J. Bryan auf, der sich nach seinem Rückzug
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| Darrow Bryan |
aus der Politik ganz dem Fundamentalismus gewidmet hatte. Er war ebenfalls ein mitreißender Redner.
Die Auseinandersetzung war mehr von Polemik als von Sachlichkeit geprägt. Darrow gelang es, Bryan im Laufe des Prozesses in die Enge zu treiben und geradezu lächerlich zu machen. Ein Höhepunkt war, dass Bryan die Schöpfungstage als Zeiträume betrachtete, was ihm den Hohn einbrachte, er glaube ja selbst nicht an den Wortlaut der Bibel. Obwohl der Biologielehrer Scopes zu 100 $ Strafe verurteilt wurde, die Kreationisten also den Prozess gewannen, ist der "Affenprozess von Dayton" bis heute ein Alptraum der Fundamentalisten, da er ihrer Sache mehr geschadet als genützt hat.
Eine verbissene Auseinandersetzung setzte nun erst richtig ein. Das Gesetz in Tennessee bestand ja weiter und weitere Verbote, Evolution in der Schule zu lehren, wurden auch in anderen Staaten erlassen. Es war wohl in 1966, als ich an der Universität Oxford in England an einer Konferenz über Naturwissenschaft und Glaube teilnahm, wo ein junger Biologie-Dozent aus Tennessee, der Evolution und Schöpfung für vereinbar hielt, ankündigte, wenn er zurückkomme, werde er Darwin abhandeln und sein Freund werde ihn sofort anzeigen, um den Prozess in Gang zu bringen. Ich habe die Angelegenheit damals nicht weiterverfolgt, las aber später in der Zeitung, dass in 1968 das Anti-Evolutionsgesetz in Tennessee abgeschafft wurde - wahrscheinlich ein Ergebnis dieses neuerlichen, wenn auch weniger spektakulären Prozesses. 1987 befasste sich das oberste US-Gericht mit der Sache und entschied - ausgehend von einem Gesetz in Louisiana - dass aufgrund der Trennung von Kirche und Staat in den USA kreationistische Lehren nichts im Schuluntericht zu suchen haben.
Die Kreationisten gaben aber keineswegs auf. Das oberste Gericht hatte ja nicht inhaltlich für die Evolution votiert, sondern nur religiösen Biologieunterricht abgelehnt. Deshalb änderte man die Strategie und begründete eine kreationistische "Wissenschaft",die darlegen sollte, dass Leben und Geist nicht zufällig entstanden sein konnten, sondern eines "intelligent design", eines gezielten Schöpfungsplans bedurften. Gegenwärtig laufen heftige Auseinandersetzungen um die staatliche Legitimation einer so verstandenen "Wissenschaft".
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| William Paley | Charles Darwin |
Wir wollen uns aber nicht weiter mit den politischen Streitigkeiten befassen, sondern nun inhaltlich "Intelligent Design" und "Darwinismus" gegenüberstellen. Als ein Urvater des Intelligent Design-Gedankens wird von Kreationisten gern der englische Theologe William Paley (1743-1805) angeführt, der in seinem Buch "Natürliche Theologie" die Grundgedanken eines "natural design" entwickelt hatte. Manchmal entsteht der Eindruck, Paley sei der große Gegenspieler von Darwin gewesen. Das ist aber nicht richtig. Paley ist 1805 gestorben, Darwin 1809 geboren. Aber nicht nur das: Darwin, der ursprünglich anglikanischer Pfarrer werden sollte, war damals ein glühender Verehrer von Paley. Er las dessen Buch über natürliche Theologie mehrmals und schrieb später, er habe kaum je ein Buch mehr bewundert als Paleys Natürliche Theologie. Man kann noch einen Schritt weitergehen, den der Göttinger Wissenschaftler von Sydow kürzlich in einer Quellenuntersuchung verdeutlicht hat: Darwin erhielt durch die Paleysche Theologie den entscheidenden Anstoss für seine Entwicklungslehre. Wir stoßen hier auf eine grundlegende Unterscheidung, die man beim Verständnis des "Intelligent Design" vorzunehmen hat: Es kann im Sinne eines stetigen Eingreifens durch einen intelligenten Schöpfer gemeint sein, ein kontinuierliches Arbeiten an der Entstehung von Leben und Mensch. Intelligent Design kann aber auch bedeuten, dass Gott der Natur neben den physikalischen Gesetzen die Bauprinzipien des Lebens als eine Art erweiterte Naturgesetzlichkeit mitgegeben hat. Paley tendierte zu dieser zweiten Interpretation und gelangte bis an den Rand eines deistischen Weltbildes, nach dem Gott das "Uhrwerk Natur" aufgezogen und sich dann selbst überlassen hat. Darwin war überzeugt, dass er mit seinem Gedanken der Selektion durch selbsttätigen Züchtungsprozess in der Natur eines der göttlichen Bauprinzipien konkretisiert hatte. Mit Paley stellte er sich damit gegen die romantische Auffassung, dass die Höherentwicklung des Lebens von innen heraus gesteuert sei. Die Gestaltung der Natur kam von außen, gestützt auf die großen göttlichen Ordnungen. Noch in 1857 schrieb Darwin in einem Brief von einem
"Wesen, das...über Millionen von Generationen hinweg und mit einer unbeirrbaren Macht der Natürlichen Auslese am Werk ist ..., die ausschließlich zum Wohl eines jeden Organismus auswählt".
Es wird schwer vollständig aufzuklären sein, warum Darwin später mehr und mehr Agnostiker wurde. Ein Grund scheint mit Sicherheit darin zu liegen, dass er mit dem genannten "Wohl eines jeden Organismus" nicht mehr zurecht kam, mit dem Gedanken also, dass die natürliche Auslese ein gottgefälliger Vorgang sei. Mit fortschreitender Ausarbeitung der Evolutionstheorie anhand von Beobachtungen war Darwin mit dem "Hauen und Stechen", dem brutalen Überlebenskampf bei der Selektion konfrontiert. Das geriet in Konflikt mit seiner Gottesvorstellung. Er tat sich auch schwer, seine Lehre auf den Menschen auszudehnen, in seinem Hauptwerk "Ursprung der Arten" von 1859 drückte er sich darüber noch sehr zurückhaltend aus und war sich darüber im Klaren, wie seine christliche Umgebung reagieren würde. So kam es auch am 30. Juni 1860 zur berühmten "Oxford-Debatte", bei der Darwin sich krankheitshalber durch Thomas Henry Huxley vertreten ließ. Bischof Wilberforce ging Huxley an: "Beliebt Ihr großmütterlicherseits oder großväterlicherseits vom Affen abzustammen?" Dieser retournierte: "Ich stamme lieber von einem Affen ab als von einem Bischof, der eine seriöse Wissenschaft ins Lächerliche zieht." - Man möchte hinzufügen: Welcher Affe hat zum ersten Mal gemerkt, dass er kein Affe mehr ist? In dem Buch "Die Entstehung des Menschen" von 1871 hat Darwin dann seine Position ausführlich dargelegt.
Aber nun sind 150 Jahre vergangen, die Forschung hat sich weiterentwickelt. Das scheint in mehrfacher Hinsicht in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion nicht ausreichend zur Kenntnis genommen zu werden. Zunächst einmal ist eine Fülle neuer Aspekte hinzugekommen. Einer ist die genetische Grundlage von Evolution. Zwar hatte Gregor Mendel schon die von ihm gefundenen Gesetze der Vererbung Darwin mitgeteilt, aber man fand den entsprechenden Brief in Darwins Nachlass ungeöffnet. Man erkannte mehr und mehr, dass die Mutationen sich vorwiegend auf der Ebene der Gene abspielen, sei es durch Zufallsprozesse oder äußere Einflüsse wie Höhenstrahlung und nicht zuletzt durch "Rekombination", Neuzusammensetzung von genetischen Bausteinen. Selektion geschieht also auf einer breiten Basis. Mit der Entdeckung des genetischen Codes durch Watson und Crick in 1953 und dem erfolgreichen Aufzeichnen der genetischen Texte in neuster Zeit sind neue Verstehensmöglichkeiten hinzugekommen - ja sogar Möglichkeiten des menschlichen Eingriffs in die genetische Veränderung von Pflanzen oder Lebewesen.
Hinzu kommen die ausgedehnten Methoden der Paläontologie, die in Zusammenarbeit mit den physikalischen Datierungsmethoden Entwicklungslinien der Evolution nachgezeichnet haben.
Und schließlich hat man viel über die Entstehung von Leben überhaupt nachgedacht. In 1953 gelang es zwei Forschern, Miller und Urey, in einer Art "Ursuppe" aus Wasser, Methan, Wasserstoff und Ammoniak durch künstliche Blitze organische Substanzen zu gewinnen wie Aminosäuren, Formaldehyd, Milchssäure, Essigsäure oder Harnstoff. Spätere Erweiterungen durch Mitverwendung von Kohlendioxid und Benutzung von UV-Strahlung förderten sogar Zucker, Ribose, Desoxyribose sowie organische Basen wie Adenin, Fettsäuren und Aminosäuren zutage. Manfred Eigen in Göttingen fügte mit seiner Theorie der Hyperzyklen eine Erklärung hinzu, wie RNA und Proteine zusammenspielen. Er erhielt dafür 1967 den Nobelpreis für Chemie.
Ist, so kann man fragen, dieses grandiose Gebäude der Evolution - auch Neodarwinismus genannt - nicht fast schon ein Beweis dafür, dass man Entstehung und Entwicklung des Lebens zum Menschen hin naturalistisch, aus der Naturgesetzlichkeit heraus erklären kann und keines externen Schöpfers oder Intellgenzprinzips bedarf? Merkwürdigerweise lässt die gegenwärtige Diskussion um Intelligent Design und Darwinismus fast durchweg außer Acht, dass sich die Evolutionsforschung selbst in neuster Zeit entscheidend weiterentwickelt und prinzipiell verändert hat. Das soll uns jetzt beschäftigen.
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| Simon Conway Morris |
In 2003 erschien ein Buch des englischen Paläobiologen Simon Conway Morris von der Universität Cambridge "Life's Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe." Leider ist es bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Es gibt eine umfassende Darstellung von evolutionsbiologischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte, die ein neues Bild der Entstehung und Entwicklung von Lebewesen ergeben. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die sogenannte Konvergenz, die Beobchtung, dass sich viele komplexe Phänomene in der Evolution unabhängig voneinander mehrfach entfaltet haben, was der gängigen Aufassung entgegensteht, dass jeweils einmalige, glückliche Zufälle die Mutationen hervorgebracht haben, die sich als höhere Entwicklungsstufe bei der Selektion bewähren konnten. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Entwicklung des Linsenauges, in dem ein außerordentlicher Ideenreichtum zutagetritt, mit dem Umweltreize über eine Zoom-Linse auf die Retina abgebildet und durch das Nervensystem weiterverarbeitet werden. Dieses komplexe System ist in der Evolution mindestens dreimal parallel zustandegekommen, unter völlig verschiedenen äußeren Umständen: bei bestimmten Ringelwürmern, bei der Krake und beim Menschen, allgemein den Wirbeltiern. Ein Vergleich zeigt, wie jedes Mal hinter einer

Linse eine Dreifachschichtung zustande gekommen ist, bestehend aus Netzhaut, Pigmentschicht und Körnerschicht; das Ganze angebunden an den Sehnerven. Dass rein zufällig im Spiel von Mutation und Selektion eine so raffinierte Konstruktion sich mehrfach entwickelte ist schlicht unplausibel.
Conway Morris gibt eine Fülle von derartigen Beispielen an. Manche der "genialen Ideen" der Evolution sind mehr als 100 Mal unabhängig voneinander realisiert worden. Conway Morris neigt deshalb zu der Annahme, dass in der Natur neben den Naturgesetzen - die letztlich auf physikalische Gesetze hinauslaufen - grundlegende Strukturprinzipien existieren. Er nimmt diese als universal an, dem Kosmos sozusagen schon beim Urknall in den Schoß gelegt. Als Konsequenz ergibt sich für ihn eine Aussage, die Science Fiction-Autoren aufhorchen lässt: Sollten wir je einem "alien", einem intelligenten Lebewesen eines anderen Planeten begegnen, es bestünde eine große Wahrscheinlichkeit, dass er ganz ähnlich "gebaut" ist wie wir - außer dem Fall dass der ferne Planet ganz mit Wasser bedeckt ist; in diesem Fall hält Conway Morris ein dem Delfin ähnliches Wesen für denkbar, dass eine hohe Intelligenzstufe erreicht hat.
Sieht man von diesen Bemerkungen über aliens ab, so kommt Conway Morris sehr dicht an die "Intelligent Design"- Ideen von William Paley heran und liegt es nahe, dass gemäßigte Kreationisten Unterstützung durch die seriöse Wissenschaft witterten. Dem schob Conway Morris allerdings selbst einen Riegel vor, etwa mit folgender Bemerkung in einem Interview mit der ZEIT (35/2004). Auf die Frage, ob er unsere Welt "für sehr intelligent entworfen" halte, sagt er:
"Da muss ich etwas klarstellen: Den Begriff intelligent design würde ich nie verwenden. Er ist von den Kreationisten besetzt, diesen Pseudowissenschaftlern, die die Bibel wörtlich auslegen und davon ausgehen, dass Gott Pflanzen, Tiere und den Menschen in sieben Tagen erschaffen hat. Von solchen Leuten will und muss ich mich klar abgrenzen als Wissenschaftler und als gläubiger Christ."
Auch den Hoffnungen, von Seiten der Chemie die Entstehung von Leben zu enträtseln, setzt Conway Morris einen Dämpfer auf. Nach einer sorgfältigen Analyse des bisher Erreichten kommt er zu dem Ergebnis, das er in einem SPIEGEL- Interview (40/2003) so zusammenfasst:
"Niemand hat bisher verstanden, wie das Leben begonnen hat. Hunderte Forscher haben sich mit dieser Frage befasst, darunter jede Menge Nobelpreisträger - und trotzdem sind sie in den letzten 50 Jahren im Grunde keinen Schritt weitergekommen. Selten ist Wissenschaft gründlicher gescheitert."
Damit ist nicht prinzipiell ausgeschlossen, dass man das Zustandekommen von Leben versteht oder chemisch imitiert. Aber auch hier sind, wie bei der Höherentwicklung der Arten, viel größere Zufallsspielräume zu überbrücken als oft angenommen oder zugegeben wird.
Hier scheint es angebracht, einmal die Frage nach dem Begriff "Zufall" zu stellen. Das Wort Zufall wird auf zwei völlig verschiedene Weisen gebraucht: Zum einen ist es das, was bei einem mathematisch beschreibbaren Wahrscheinlichkeitsvorgang auftritt: Wenn ich beim Würfeln zufällig eine 6 würfle, dann steckt dahinter die Wahrscheinlichkeit 1/6, mit der aus 6 gegebenen gleichwertigen Möglichkeiten sich eine einstellt. Auch thermodynamische Gesetze der Physik sind von dieser Art: Druck und Temperatur eines Gasgemisches sind Mittelwerte aus Stoßvorgängen einer abschätzbaren Menge von Molekülen, die sich zwar einzeln zufällig bewegen, aber in einem abgesteckten Rahmen, der eine mathematische Behandlung des Zufalls gestattet.
Die andere Art von Zufall zu sprechen, ist schlicht Ausdruck von Unkenntnis, die Unmöglichkeit, Ursachen zu lokalisieren. Dabei bleibt offen, ob es verstehbare Ursachen überhaupt gibt. In der Evolutionsbiologie wird oft der Eindruck erweckt, man habe es mit Zufall im erstgenannten Sinn zu tun. Das mag auch für eng eingegrenzte, aus der Natur herausgeschnittene Entwicklungsprozesse richtig sein. In der Mehrzehl der Fälle aber handelt es sich um "Zufälle" der zweiten Art. Das Konvergenzprinzip setzt ein zusätzliches Fragezeichen hinter das Zufallsprinzip in der Evolution, macht es zu einer unplausiblen Hypothese. Conway Morris schlägt deshalb vor, dass wir es mit Strukturvorgaben in der Natur zu tun haben. Er rückt sie in die Nähe dessen, was bereits seit einigen Jahrzehnten in der Physik das "Starke Anthropische Prinzip" genannt wird. Das ist ebenfalls eine naturphilosophische Grundannaheme, nach der die Entstehung eines intelligenten menschlichen oder menschenähnlichen Wesens ein kosmisches Finalprinzip ist, das man nicht mit physikalischen Kausalbetrachtungen gewinnen kann und das in einer "kosmischen Evolution" der Planeten (die strukturell allerdings von der biologischen Evolutionn sehr verschieden ist) wirksam geworden ist. Wenn es auch zu den Aufgaben der Naturwissenschaft gehört, im Einzelnen nach Möglichkeit Zweckgerichtetheit durch Ursachenketten zu ersetzen, so kann diese Aufgabe - entgegen einer verbreiteten Meinung oder Forderung von Wissenschaftlern - nur in begrentztem Maß erfüllt werden. Ohne Zielrichtung, das zeigen gründliche Analysen, kommt man nicht aus. Das gilt in besonderer Weise für Evolution, in verstärktem Maße, wenn es um die Entstehung von Leben und Geist geht.
Wie dieser Sachverhalt religiös auszuwerten ist, bleibt dann noch völlig offen. Einen Schöpfergott als universelles Kausalprinzip dem Weltgeschehen voranzusetzen, bringt nicht viel, denn man kann dann sofort fragen: Wer hat den Schöpfer erschaffen? Das Anthropische Prinzip ist Ausdruck für die Grenzen, die kausalistischer Weltbetrachtung gesetzt sind. Es verweist auf Gegebenheiten, die wir vorfinden und die wir mit religiösen Überzeugungen verbinden können, ohne sie als Beweise zu vereinnahmen. Kritisch-rationale Wissenschaft steht derartigen Überzeugungen nicht im Wege, sofern die Überzeugungen ihrerseits kritisch-offen im Hinblick auf Übersetzung des Spirituellen in objektive Aussagen über die Natur sind. Musterbeispiele, wie man es nicht machen sollte, führen uns die kreationistischen Denkweisen vor: Eine kleine Gruppe ist sogar noch überzeugt, dass die Erde eine Scheibe ist und der Globus auf Täuschung beruht. Darüber braucht man nun wirklich nicht zu diskutieren. Aber sehr viele Kreationisten sind davon überzeugt, dass die Erde zwischen 4000 und 10000 Jahre alt ist, wobei sie nicht nur mit der Biologie, sondern mit Astronomie und Physik in Konflikt geraten, insbesondere hinsichtlich der radioaktiven Datierungsmethoden für Fossilien. Bei den Vertetern des "Intelligent Design" gibt es immerhin eine Anzahl, die Schöpfungstage als Zeiträme interpretieren; zu ihnen gehörte merkwürdigerweise schon William Bryan, der Repräsentant der Fundamentalisten im berüchtigten "Affenprozess" von Tennessee. Für sie kommt eine Verständigung mit kritisch-begrenzter Evolutionstheorie durchaus in Frage.
Kommen wir abschließend zurück auf die eingangs erwähnten Äußerungen von Kardinal Schönborn, dem Kritiker Sympathie zu den amerikanischen Kreationisten vorgeworfen haben. Dass Schönborn die "gemeinsame Abstammung aller Lebewesen" für möglich hält - was die Abstammung des Menschen vom Affen nicht ausschließt - dürfte bei Kreationisten wenig Sympathie erzeugen. Ferner ist es im Licht moderner Evolutionsforschung richtig, dass eine vollständige Erklärung für die Entstehung biologischen Lebens kein wissenschaftliches Ergebnis darstellt und sogar gewichtige Argumente gegen sich hat. Allerdings ist zu den Äußerungen des Kardinals zweierlei kritisch anzumerken: E r s t e n s ist der Neodarwinismus nicht per se eine entsprechende weltbildhafte Festlegung oder Ideologie; vielmehr gilt das für eine evolutionistische Interpretation der wissenschaftlichen Ergebnisse. Das war auch schon beim alten Darwinismus der Fall. Besonders sticht dabei Ernst Haeckel hervor, der agitatorisch eine evolutionistische Ideologie verbreitet hat. Z w e i t e n s scheint Schönborn der Stand der Evolutionsforschung unbekannt zu sein, wie ihn Conway Morris in großer Ausführlichkeit dargestellt hat. Auf dem Prüfstand dieser neuen Forschung ergibt sich ein neues Bild des großen Werdens von Leben und Geist, das zwar einen Schöpfungsglauben nicht beweist, aber neue Perspektiven eröffnet. Zu den tieferen Geheimnissen von Mensch und Geschichte wird Naturwissenschaft niemals vordringen können. Allerdings versuchen manche Naturwissenschaftler immer wieder, das geistige und religiöse Weltgeschehen in den Käfig der Immanenz zu sperren in dem Sinne, dass sie es als selbsttätiges Zusammenspiel von uns bekannten Naturgesetzen und Zufall betrachten. Glaube und religiöse Überzeugung haben es jedoch nicht nötig, sich auf die Nischen zurückzuziehen, die ihnen Biologen und Physiker lassen und auf einen Transzendenzbezug zu verzichten. Naturforschung liefert immer nur begrenzte rationale Aspekte dessen, was auf unserem Planeten und im Kosmos geschieht. Wo sie kritische Bescheidenheit übt, kann sie konstruktiv-gemeinsam mit religiösem Denken über das Wunder der Welt reflektieren. Das sollte hier am Beispiel der Evolution deutlich werden.
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